Inflation im Euroraum: Wenig Potenzial nach oben

Autor Deka Private Banking
zuletzt aktualisiert am 2. Dezember 2020
Lesezeit 2 Minuten

Fakten

  • Infolge der Pandemie sind sowohl die Interpretation der aktuellen Inflationszahlen als auch die Vorhersage ihrer zukünftigen Entwicklung mit einer außergewöhnlich hohen Unsicherheit behaftet.
  • Die Kerninflation im Euroraum von derzeit lediglich 0,2 % ist stark von temporären Sonderfaktoren beeinflusst, was für leicht steigende Inflationsraten in den nächsten Monaten spricht.
  • Gleichzeitig dürfte das wirtschaftliche Umfeld aber noch für lange Zeit dämpfend wirken, sodass die Kerninflation unter dem Niveau bleibt, auf dem sie vor dem Corona-Ausbruch gelegen hatte.

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Auswirkungen

Aktien D
Aktien Europa
Zinsen Europa (K)
Spread Europa (P)
EUR-USD
Goldpreis

Zur Interpretation der Pfeile: "Dieses Kapitalmarktthema hat eine dämpfende bzw. neutrale bzw. stimulierende Auswirkung auf die betreffende Kapitalmarktgröße." Da sich am Markt viele Einflüsse überlagern, kann die tatsächliche Kapitalmarktentwicklung trotz korrekter Prognosen für dieses Thema in eine andere Richtung gehen als von den Pfeilen auf den ersten Blick suggeriert wird.

Kommentar: Tendenziell niedrigere Inflationsraten bedeuten für sich genommen auch niedrigere Zinsen. Davon profitieren Aktien. Renditen von Staatsanleihen bleiben dann auch eher niedriger. Die schwächeren Zinsaussichten belasten den Euro im Vergleich zum US-Dollar. Die Auswirkungen auf den Goldpreis dürften nicht messbar sein.

Analyse

Durch den Corona-bedingten wirtschaftlichen Abschwung und zusätzliche Sondereinflüsse sind die Preise auf Jahressicht nur marginal gestiegen. Der Blick nach vorne bleibt schwierig. Vermutlich wird die Inflation auch 2021 sehr niedrig bleiben.

Schon in ‚normalen‘ Zeiten ist die Interpretation von Inflationszahlen keine einfache Aufgabe. Stets muss der Trend der Preisentwicklung um potenzielle Messfehler oder temporäre Einflüsse bereinigt werden. Dies wurde durch die Corona-Krise noch einmal um vieles schwieriger, denn solch ein Ereignis ruft sowohl Probleme bei der Messung des Verbraucherpreisindex als auch heftige, aber vermutlich nur vorübergehende, Schwankungen einzelner Preise hervor. Im Euroraum hat die Kerninflation – das ist die um die schwankungsreichen Komponenten Energie- und Nahrungsmittelpreise bereinigte Inflationsrate – im Frühjahr nur geringfügig nachgegeben und verzeichnete im Juli sogar einen deutlichen Ausreißer nach oben. Erst danach folgten erhebliche Rückgänge auf zuletzt 0,2 % im September und Oktober im Vergleich zu den Vorjahresmonaten. Dabei war die befristete Mehrwertsteuersenkung nur einer der gewichtigen Faktoren, die den Wert so deutlich nach unten gedrückt haben.
Vielmehr sind es allen voran die Bereiche „Bekleidung“ sowie „Verkehr und Tourismus“, die unter den Kontaktbeschränkungen und der sozialen Distanzierung zu leiden haben. Um dennoch Kunden anzulocken, sind die Anbieter offensichtlich zu außergewöhnlichen Preiszugeständnissen bereit. Viele der jetzt besonders betroffenen Unternehmen dürften jedoch nach dem Abklingen der Pandemie relativ schnell zu ihrer Vorkrisen-Preisgestaltung zurückkehren. Das würde dazu führen, dass es in diesen Bereichen vorübergehend sogar zu stärkeren Preissteigerungen kommt.

Eigentlich viel höhere Inflation?
Ein methodisches Problem der Inflationsmessung besteht darin, dass Kontaktbeschränkungen und soziale Distanzierung die privaten Haushalte zu einer drastischen Änderung ihrer Konsumgewohnheiten gezwungen haben, während der Warenkorb zur Messung des Verbraucherpreisindex immer noch der gleiche ist. Nach EZB-Berechnungen wären die gemessenen Gesamtinflationsraten zwischen April und August um 0,2 Prozentpunkte höher gewesen, wenn man die Gewichte des Warenkorbs in Echtzeit an das tatsächliche Ausgabeverhalten der Konsumenten angepasst hätte.

Der Warenkorb zur Messung des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) wird jährlich aktualisiert. Allerdings wird er erst im Jahr 2022 die Ausgabenanteile des Jahres 2020 widerspiegeln. Es wäre aber falsch zu vermuten, dass dadurch die in diesem Jahr fehlenden 0,2 Prozentpunkte Inflation „nachgeholt“ würden. Vermutlich wird sogar das Gegenteil der Fall sein. Wenn das von der Pandemie geprägte Ausgabeverhalten in den Warenkorb einfließt, dürften dadurch die Preise von Dienstleistungen geringer und die von Industriegütern entsprechend höher gewichtet werden. Da Dienstleistungen aber in aller Regel eine stärkere Teuerung aufweisen, resultiert wegen deren gesunkener Gewichtung womöglich eine in der Summe geringere Kerninflation. Je nach tatsächlicher Entwicklung der Preise im Jahr 2022 dürfte dieser Effekt aber nur wenige Hundertstelprozentpunkte ausmachen und damit gar nicht groß zutage treten.

Faktor ‚Kurzarbeit‘ erschwert den Ausblick

Eine aktuelle Analyse der Deka-Volkswirte zu den Verbraucherpreisdaten hat ergeben, dass der dramatische Rückgang der Kerninflation zum Teil auf Corona-bedingte Sonderfaktoren zurückzuführen ist, die aber vermutlich nur temporärer Natur sein werden. Und auch für die Prognose der zukünftigen Preisentwicklung ergeben sich demnach zusätzliche Unsicherheiten. Unter normalen Umständen ist die Lohnentwicklung der mit Abstand wichtigste Einflussfaktor auf die Inflation. Über längere Zeiträume betrachtet weist der Anstieg der Lohnkosten in der gewerblichen Wirtschaft eine relativ enge Korrelation, d.h. einen starken Gleichlauf, mit der Kerninflation auf. Für kurzfristige Prognosen nutzt dies nur bedingt, denn die Lohndaten werden lediglich quartalsweise und mit einer größeren zeitlichen Verzögerung veröffentlicht. Zumindest aber sind sie hilfreich, um den mittelfristigen Trend der Kerninflation abzuschätzen. Infolge der Corona-Krise ist aber auch dies bis auf Weiteres nicht mehr möglich. Im ersten und vor allem zweiten Quartal sind beispielsweise in Deutschland, dem größten Land in der Europäischen Währungsunion, die Lohnkosten je geleisteter Arbeitsstunde ungewöhnlich stark gestiegen, weil Kurzarbeit auch für die Unternehmen teuer ist. Dies wird sich aber vermutlich eher in verminderten Gewinnen als in höheren Absatzpreisen niederschlagen.

Einschätzung

Die aktuelle Kerninflationsrate von 0,2 % zeichnet vermutlich ein zu düsteres Bild mit Blick auf eventuelle Deflationssorgen, weil sie durch Sondereinflüsse nach unten verzerrt ist. Demzufolge ist für die nächsten Monate von einem zumindest leichten Anstieg der Inflationsraten auszugehen. Dies sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das wirtschaftliche Umfeld noch für lange Zeit dämpfend auf die Preisentwicklung wirken wird. Vorhersagen sind infolge der Pandemie mit besonderer Unsicherheit behaftet, die Risiken wahrscheinlich aber eher nach unten gerichtet. Entsprechend dürfte die EZB einen starken geldpolitischen Stimulus bis auf Weiteres als unverzichtbar ansehen. Letztlich bedeutet die schwache Inflation also auch, dass Anleger an den Anleihenmärkten weiterhin anhaltend niedrige Renditen sehen werden.

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