Noch bis Jahresende anfällige Lieferketten

Autor Deka Private Banking
zuletzt aktualisiert am 23. Juli 2021
Lesezeit 3 Minuten

Fakten

  • Während sich die Pandemie in den meisten Industrieländern entspannt, befinden sich viele Schwellenländer weiterhin in einer schwierigen Lage, mit hohen und zum Teil steigenden Infektionszahlen. Doch können manche Emerging Markets durchaus mit ähnlichen Impfquoten wie in der EU aufwarten.
  • Die nach wie vor hohe Produktionskonzentration in einzelnen Ländern Asiens legt die Verletztlichkeit der globalen Lieferketten offen. Zudem hat Corona neben Produktions- und Lieferengpässen in einigen Bereichen für zusätzliche Nachfrage und entsprechendem Rohstoff- und Vorproduktbedarf gesorgt.
  • Eine Normalisierung der globalen Lieferbedingungen ist erst für die Zeit um den Jahreswechsel zu erwarten. Viele Unternehmen dürften deshalb eine größere Diversifikation ihrer Lieferbeziehungen anstreben. Für die Kapitalmärkte hat die Corona-Krise ihren Schrecken weitgehend verloren. Ratings verschlechtern sich vor allem dort, wo schon vor der Krise Probleme bestanden haben.

Interessant für Sie, wenn...

  • Sie als Unternehmer international engagiert sind
  • Sie Geschäftsbeziehungen in Schwellenländern unterhalten
  • Sie sich über Einflussfaktoren auf die Lieferketten informieren möchten

Analyse

In vielen Emerging Markets bleibt die Pandemielage angespannt. Durch die hohe Verflechtung insbesondere Asiens im Welthandel sind Lieferketten weiterhin störungsgefährdet. Unternehmen hierzulande sollten daher über eine Diversifizierung ihrer Lieferbeziehungen nachdenken.
 

Pandemieende für viele Schwellenländer in weiter Ferne

Indien verzeichnete zuletzt eine schwere Krise des Gesundheitssystems, da es nicht mehr in der Lage war, den an Covid-19 Erkrankten die notwendige Hilfe zukommen zu lassen. In Brasilien lagen die täglichen Neuinfektionen seit November 2020 nie unter 30.000, und zuletzt zeigt der Trend noch deutlicher nach oben, die Zahlen kletterten zeitweise über 70.000. Auch in Russland, Südafrika und Indonesien bauen sich neue Wellen auf. Demgegenüber liegen die Schwellenländer Mittel- und Osteuropas, die Mitglieder der EU sind, mit ihren Impfquoten auf ähnlichem Niveau wie die anderen EU-Länder. Außerhalb der EU haben in Chile 62% und in China 44% der Bevölkerung schon mindestens eine Impfung erhalten. In Israel sind ca. 60% der Bevölkerung sogar schon zum zweiten Mal geimpft. Auch in Brasilien, der Türkei, Südkorea und Mexiko könnte noch im Laufe des Jahres eine ähnlich hohe Impfquote erreicht werden.

Insbesondere in vielen Ländern Asiens ist der Impffortschritt deutlich langsamer. Insgesamt erscheint es realistisch, dass erst im Laufe des kommenden Jahres in den meisten Schwellenländern ausreichend hohe Impfquoten erreicht werden, um die Pandemie wirksam einzudämmen.

Neue Lockdowns wirken zielgerichteter

Bis dahin wird es immer wieder zu Beschränkungen der Bewegungsfreiheit kommen. Die Art und Weise, wie solche Lockdowns umgesetzt werden und wie die Wirtschaft reagiert, hat sich im Laufe der Pandemie deutlich verändert. Zu Beginn wurden sehr drastische Lockdowns verhängt, weil man hoffte, nach dem Vorbild Chinas dadurch die Neuerkrankungen sehr stark oder sogar auf null drücken zu können. Mittlerweile geht es in den meisten Ländern eher darum, die Anzahl der Neuansteckungen so niedrig zu halten, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird.

Aktuell verhängen viele asiatische Länder eher harte Restriktionen, während beispielsweise in Israel und Mexiko die Maßnahmen so locker wie noch nie während der Pandemie sind. In Russland, Brasilien und Südafrika erscheinen die gegenwärtigen Maßnahmen angesichts steigender Ansteckungen sogar zu locker.

Auch die Unternehmen reagieren heute auf steigende Ansteckungszahlen anders als zu Beginn der Pandemie. Im Frühjahr 2020 wurden die Produktionen drastisch nach unten gefahren und Aufträge storniert, weil kaum absehbar war, wie lange die Wirtschaft zu leiden haben würde, ob und wann Konsumenten wieder bestimmte Produkte nachfragen und Staaten infolge von Steuerausfällen Sparprogramme durchsetzen würden.

Mittlerweile erscheint es besser absehbar, dass in Lockdowns der größte Teil der Wirtschaftsaktivität aufrechterhalten werden kann. Dies hat den Unternehmen die Zuversicht zurückgegeben, sodass Investitionspläne wieder verwirklicht werden und die Materiallager wieder aufgefüllt werden.

Anfällige Lieferketten

Doch mittlerweile zeigt sich, dass die Aktivität einer Volkswirtschaft nicht so fein zu steuern ist wie die Stromproduktion eines Gaskraftwerks. In Unternehmen, die über Wochen kaum Aufträge hatten, kann die Produktion das ausgefallene Volumen nicht so ohne weiteres nachholen, weil die Kapazitäten beschränkt sind. Und fehlende Teilelieferungen eines Unternehmens machen sich aufgrund der sehr verzweigten Lieferbeziehungen bei vielen anderen Unternehmen in Produktionsbehinderungen bemerkbar. Zudem hat Corona nicht nur Produktions- und Lieferkapazitäten beschränkt, sondern in einigen Bereichen auch für zusätzliche Nachfrage gesorgt. Dies gilt unmittelbar für medizinische Ausrüstung, aber auch für Technologiegüter für Homeoffice und Homeschooling. Die umfangreichen Fiskalprogramme zur Abfederung der Pandemiefolgen und zur Bekämpfung des Klimawandels könnten dazu führen, dass die Nachfrage nach gefertigten Gütern noch für Jahre höher liegt als vor der Pandemie.

Auf den Prüfstand gestellt

So ergibt sich das Bild einer Pandemie, die noch lange nicht beendet ist, die aber aufgrund der Verfügbarkeit von Impfstoffen spätestens 2022 ihren beherrschenden Einfluss auf das globale Wirtschaftsgeschehen verlieren sollte.

Innerhalb der Schwellenländer besitzt China eine überragende Bedeutung als Lieferant von Vorleistungsgütern und ist hierfür noch vor den USA und Deutschland der weltweit größte Exporteur. Die Weltwirtschaft profitiert daher in hohem Maße von der erfolgreichen Eindämmung des Virus in China. Letztlich zeigt sich einmal mehr die große Bedeutung Asiens im internationalen Warenhandel. Dies ist in einzelnen Produktgruppen extrem ausgeprägt: So liefern acht asiatische Länder rund 80% aller weltweit exportierten Halbleiter. Alleine Taiwan und Südkorea kommen hier auf einen Anteil von 37%. Viele Unternehmen dürften zukünftig eine größere Diversifikation ihrer Lieferbeziehungen anstreben. Eine Normalisierung der Lieferketten erwarten Logistikexperten erst für die Zeit um den Jahreswechsel 2021/22.

Schwache Bonitäten leiden besonders stark

Für die Kapitalmärkte hat die Corona-Krise ihren Schrecken weitgehend verloren. Grundsätzlich gilt: Die wirtschaftlich Starken kommen besser durch die Krise als die Schwachen. Die Ratings von Unternehmen und Staaten verschlechtern sich vor allem dort, wo schon vor der Krise Probleme bestanden haben. Viele Schwellenländer werden unter den Folgen von Corona noch lange leiden.

Einschätzung

Zwar wirken sich neue regionale Lockdowns in den Schwellenländern mittlerweile nicht mehr so drastisch auf die Wirtschaftsaktivität aus wie zu Beginn der Krise. Doch das komplizierte System der internationalen Lieferketten reagiert schon auf kleinere Störungen empfindlich, mit zum Teil entsprechenden Produktionsausfällen. Selbst wenn die Pandemie in den kommenden Monaten durch Impffortschritte unter Kontrolle gehalten werden kann, dürften sich internationale Lieferkettenprobleme wohl mindestens noch bis zum Jahresende hinziehen. Impfkampagnen, staatliche Finanzhilfen und die anhaltend lockere Geldpolitik sorgen jedoch dafür, dass die Pandemie nicht mehr zum entscheidenden Faktor für die Kapitalmärkte werden dürfte.

Auswirkungen

Konjunktur EM
Konjunktur USA
Konjunktur D
Zinsen D
Zinsen USA
Aktien EM

Zur Interpretation der Pfeile: "Dieses Kapitalmarktthema hat eine dämpfende bzw. neutrale bzw. stimulierende Auswirkung auf die betreffende Kapitalmarktgröße." Da sich am Markt viele Einflüsse überlagern, kann die tatsächliche Kapitalmarktentwicklung trotz korrekter Prognosen für dieses Thema in eine andere Richtung gehen als von den Pfeilen auf den ersten Blick suggeriert wird.

Kommentar: Zwar wirken sich neue regionale Lockdowns in den Schwellenländern mittlerweile nicht mehr so drastisch auf die Wirtschaftsaktivität aus wie zu Beginn der Krise. Doch das komplizierte System der internationalen Lieferketten reagiert schon auf kleinere Störungen empfindlich, und belastet tendenziell die Konjunktur sowohl in den Emerging Markets als auch in den großen Industrienationen. Selbst wenn die Pandemie in den kommenden Monaten durch Impffortschritte unter Kontrolle gehalten werden kann, dürften sich internationale Lieferkettenprobleme wohl mindestens noch bis zum Jahresende hinziehen. Impfkampagnen, staatliche Finanzhilfen und die anhaltend lockere Geldpolitik sorgen jedoch dafür, dass die Pandemie nicht mehr zum entscheidenden Faktor für die Kapitalmärkte werden dürfte. Dennoch werden die Aktienmärkte in den Schwellenländern durch die Lieferkettenproblematik zunächst noch etwas belastet. Auswirkungen auf die Staatsanleihemärkte dürften jedoch kaum sichtbar sein.

Artikel-Funktionen

Ihr nächster Schritt

Wir sind für Sie erreichbar

Sollten Sie Ihren persönlichen Sparkassenberater zum Private Banking noch nicht kennen, hilft Ihnen unser Service-Center gerne weiter.
Erreichbar Mo - Fr von 9 - 18 Uhr 069 7147-1177
Sie möchten zurückgerufen werden?
DEKA-PB EXKLUSIV

Warum es für Unternehmer und Freiberufler jetzt wichtig ist, sich für bessere Zeiten aufzustellen

Die Corona-Pandemie trifft die Wirtschaft hart. Auch in Deutschland beschert die Ausbreitung des Virus den Unternehmen Produktionsausfälle, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit. Auch wenn es derzeit schwerfallen mag: Wer sich jetzt richtig auf die Krise einstellt, ist auch für die Zeit danach besser gerüstet.
Als Unternehmer durch die Krise