Raus aus Versorgungswerken?

Bis 67 ins Versorgungswerk einzahlen oder ab 62 privat vorsorgen?

Autor Deka Private Banking
zuletzt aktualisiert am 8. Januar 2020
Lesezeit 4 Minuten

Ob Arzt, Apotheker, Architekt oder Wirtschaftsprüfer: Als Freiberufler sind Sie Pflichtmitglied in Ihrem berufsständischen Versorgungswerk. Doch mit 62 Jahren können Sie die Einzahlungen einstellen und sich Ihre bisherigen Rentenansprüche auszahlen lassen* – auch wenn Sie noch weiterarbeiten. Lohnt sich die vorgezogene Altersrente gegenüber weiteren Einzahlungen ins Versorgungswerk?

Interessant für Sie, wenn...

  • Sie als Freiberufler Pflichtmitglied in einem Versorgungswerk sind
  • Sie nach der finanziell besseren Lösung für Ihre Altersabsicherung suchen
  • Sie prüfen möchten, ob sich eine Einzahlung ins Versorgungswerk bis 67 lohnt – oder es eine bessere Alternative gibt

Wie funktioniert ein Versorgungswerk?

Mehr als 1 Million Deutsche sind Mitglied in den berufsständischen, eigenständigen Versorgungswerken. Dazu zählen nicht nur Human-, Zahn- und Tiermediziner, sondern auch Apotheker, Architekten, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, Notare und Rechtsanwälte sowie selbständige Ingenieure und Psychotherapeuten. Als Freiberufler sind all diese Pflichtmitglied in ihrem jeweiligen Versorgungswerk. Sie müssen regelmäßig Einzahlungen leisten, erhalten dafür allerdings auch bei Berufsunfähigkeit, Tod und Altersrente eine entsprechende Auszahlung.
 

Anders als bei der gesetzlichen Rentenversicherung haben die Versorgungswerke kein reines Umlagefinanzierungsverfahren, sondern wenden vielfach das so genannte offene Deckungsplanverfahren an. Die Umlagefinanzierung deckt die Versorgungsaufwendungen eines Jahres durch die Beitragseinnahmen des Jahres. Der große Vorteil dieses Verfahrens: Es ist nicht von aktuellen (Kapital)Marktentwicklungen wie bspw. Zinssätzen oder Aktienkursen abhängig. Dafür allerdings von der demographischen Entwicklung. Das Kapitaldeckungsprinzip hingegen, wie es bei einer privaten Lebensversicherung typisch ist, zahlt nur so viel später an den Rentner aus, wie er auch eingezahlt hatte – zzgl. Verzinsung. Hier ist der Vorteil, dass der Versicherte nicht von der demographischen Entwicklung abhängt – aber dafür von der Rendite, die auf die eingezahlten Beiträge erzielt werden. Da sie für ihre Mitglieder verpflichtend sind, bieten viele Versorgungswerke mit dem offenen Deckungsverfahren eine Mischung dieser beiden gegensätzlichen Finanzierungsansätze an. So werden demographische Veränderungen als auch Kapitalmarktschwankungen abgefedert.

In der Minderheit sind Versorgungswerke, die nach dem Prinzip der modifizierten Anwartschaftsdeckung finanziert sind. Diese ähneln stärker dem Anwartschaftsdeckungsverfahren einer privaten Lebensversicherung, weil die Verweildauer der Beiträge im Versorgungswerk bei der Berechnung der Anwartschaft stärker einfließt. Es ist aber eine modifizierte Anwartschaftsdeckung, weil die Versorgungswerke für ihre Pflichtmitglieder keine Risikoprüfung durchführen. Dadurch können die Versorgungswerke eine kollektive statt einer individuellen Risikoeinschätzung ihren Berechnungen zugrunde legen.

Was ist das Problem der Versorgungswerke derzeit?

Anders als noch vor wenigen Jahren prognostiziert, ist es aktuell nicht so sehr der demographische Faktor, der den Versorgungswerken Schwierigkeiten bereitet – sondern der niedrige Zins bei Anlageklassen wie Anleihen. Es sind gerade Anleihen, die in den vergangenen Jahren die Zinserosion massiv zu spüren bekommen haben. Das umfasst nicht nur Anleihen mit sehr guter Bonität wie Deutsche und US-Staatsanleihen, sondern setzt sich mit Abstufungen auch bis zu Hochzinsanleihen mit hoher Ausfallwahrscheinlichkeit durch. Inzwischen liegen Anleihen mit sehr guter Bonität häufig unterhalb der Inflation – und verdienen kaum das eingesetzte Geld.

In der Verbindung mit einer alternden Bevölkerung, deren Lebenserwartung zunimmt, führen die niedrigen Zinsen zu einer schwächeren Rendite bei längeren Rentenzahlungsdauern. Entsprechend sinkt die Höhe der monatlichen Rentenauszahlungen später.

Die Versorgungswerke versuchen in aller Regel gegen diese Zinserosion gegenzusteuern, indem sie verstärkt in risikoreichere, aber dafür renditeträchtigere Anlagearten wie Aktien oder alternative Anlagen investieren. Allerdings sind ihnen dabei von der Satzung enge Grenzen gesetzt. Sie sind dem Vermögenserhalt verpflichtet, wodurch der Großteil der Geldanlagen weiterhin in schwankungsarme Zinstitel mit hoher Bonität (zum Beispiel Staatsanleihen) angelegt wird. Schuldscheine und Rentenpapiere machen die mit Abstand größten Posten im Anlagemix vieler Versorgungswerke aus – höherrentierliche, aber volatilere Anlagen wie Aktien kommen beispielsweise bei der Nordrheinischen Ärzteversorgung nur auf Anteile um 10 Prozent. Eine höhere Rendite ist bei diesem Anlagenmix kaum zu erwarten, da eine Änderung des Niedrigzinsumfeldes zumindest in Europa nicht abzusehen ist.

Eine schwierige Situation, für die es keine offensichtliche Lösung gibt. Daher kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass Versorgungswerke zunehmend innerhalb einer Anlageklasse, die der Form nach nur geringe Ausfallrisiken birgt, das Risiko ausdehnen. Das kann beispielsweise durch eine deutliche Ausweitung der Laufzeiten von Anleihen geschehen. Oder eine geringere Kreditqualität wird in Kauf genommen, beispielsweise im nachgefragten Schuldscheinsegment.

Welche Möglichkeiten existieren, die Probleme mit den Versorgungswerken zu vermindern?

Da Sie als Freiberufler zu einer Mitgliedschaft in einem Versorgungswerk mit entsprechenden Einzahlungen verpflichtet sind, ist Ihr Handlungsspielraum eingeschränkt. Allerdings gibt es gerade zum Ende der Berufslaufbahn eine Möglichkeit, sich den Schwierigkeiten der Versorgungswerke zumindest zum Teil zu entziehen: Es steht Ihnen in den verschiedenen Versorgungswerken grundsätzlich frei, Rentenzahlungen ohne Berufsaufgabe vorzuziehen. So könnten Sie vielleicht wählen, entweder vom 62. Lebensjahr bis zum Beginn der gesetzlichen Rente weiterhin in das Versorgungswerk einzahlen oder die Einzahlungen dann zu beenden und die bereits erworbenen Rentenansprüche auszahlen zu lassen*.

Eine Vergleichsrechnung könnte bei einer angenommenen Lebenserwartung von 92 Jahren entsprechend so aussehen:

Diese Überschlagsrechnung zeigt auf den ersten Blick, dass es keinen finanziellen Unterschied macht, ob Sie sich bereits ab 62 Jahren Ihre Rente auszahlen lassen* oder erst ab dem 67. Lebensjahr.

Allerdings ist in dieser Rechnung dreierlei noch nicht berücksichtigt:

  • mögliche Rentensteigerungen in den nächsten Jahren
  • die steuerliche Behandlung dieser Bruttobeträge – insbesondere durch sich verändernde Steuersätze, nicht zuletzt in Abhängigkeit vom Kalenderjahr
  • dass Sie die ausgezahlten Altersrentenbeiträge und die eingesparten Beiträge in das Versorgungswerk anlegen können.

Eine exakte Vergleichsrechnung sollten Sie daher mit Ihrem Finanzberater und Ihrem Steuerberater für Ihre Situation erstellen.

Doch allein die Berücksichtigung des dritten Punkts zeigt: Ihnen stünden ab dem 62. Lebensjahr brutto monatlich 1.950 Euro aus der Rente sowie 1.300 Euro, die Sie nicht mehr in das Versorgungswerk einzahlen müssen, zur Verfügung.

Natürlich sind die Netto-Beträge aus steuerlichen Gründen niedriger. Wie Ihre individuelle Netto-Rechnung aussieht, sollten Sie darum mit Ihrem Steuerberater individuell besprechen. Angenommen aber, es stehen Ihnen netto rund 1.400 EUR aus der Altersrente des Versorgungswerks und rund 850 EUR aus den eingesparten Einzahlungen an das Versorgungswerk im Monat zur Verfügung. Dies wären in Summe monatlich 2.250 EUR, die Ihnen für Investitionen zur Verfügung stehen. Bei einer Rendite von wenigen Prozentpunkten könnten Sie also diese Vergleichsrechnung mit einer vorzeitigen Auszahlung zu Ihren Gunsten gestalten.

Versorgungswerk oder frühzeitige Auszahlung?

Eine eindeutige Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Denn die Faktoren Demographieentwicklung, Renditeerwartung, persönliche Lebenserwartung und natürlich die Höhe der Pflichteinzahlungen und Anwartschaften Ihres Versorgungswerks entscheiden darüber, zu welchen Gunsten die Rechnung letztlich ausfällt. Eine saubere Betrachtung ist allerdings zu empfehlen: Wie würde eine Rechnung für Sie ausfallen, welche Option ist für Sie rein finanziell lohnenswerter? Einzahlung in das Versorgungswerk bis zum 67. Lebensjahr oder eine vorgezogene Altersrente?

* Klären Sie bitte mit Ihrem Versorgungswerk, ob in Ihrem speziellen Fall ein vorgezogener Ruhestand möglich ist. Die Option besteht nicht im Falle aller Versorgungswerke und ist daher individuell zu klären.

Sprechen Sie mit Ihrer Private Banking-Beraterin oder Ihrem Private Banking-Berater bei der Sparkasse über Ihre Situation, Ihre Erwartungen und Ihre Wünsche an die Altersabsicherung – und wie Sie die Rendite Ihrer privaten Vorsorge optimieren können.

Aussagen gemäß aktueller Rechtslage, Stand: November 2019.

Die steuerliche Behandlung der Erträge hängt von den persönlichen Verhältnissen des jeweiligen Kunden ab und kann künftig auch rückwirkenden Änderungen (z. B. durch Gesetzesänderung oder geänderte Auslegung durch die Finanzverwaltung) unterworfen sein.

Experten-Interview

Anwartschaften als Teil der gesamten Anlagestrategie mitdenken
Stefan Neuhaus, Abteilungsdirektor Private Banking und Firmenkunden der DekaBank, im Gespräch über Versorgungswerke, vorgezogene Altersrente und die passende Portfoliostrategie.

Deka Private Banking: Herr Neuhaus, entscheiden sich Ihre Kunden häufiger für eine vorgezogene Altersrente oder zahlen sie bis 67 in das Versorgungswerk ein?

Stefan Neuhaus: Bei meinen Gesprächspartnern gab es eine deutliche Präferenz, mit 62 nicht weiter ins Versorgungswerk einzuzahlen. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden, denn das hängt ganz von den persönlichen Vorstellungen und der Lebenssituation ab.

Deka Private Banking: Welche Argumente sprechen für eine vorzeitige Auszahlung?

Stefan Neuhaus: Durch die Auszahlung einer substanziellen Summe haben Sie zum einen die Möglichkeit, ein größeres Investment auf einmal zu tätigen – beispielsweise den Erwerb einer Immobilie. Bei den Rentenzahlungen ab 67 erhalten Sie monatlich einen überschaubaren Zufluss. Im Todesfall wird diese Rente aber nur an die Witwe und Waisenrente an Kinder höchstens bis zum 27. Lebensjahr gezahlt. Andere wiederum haben keine Kinder oder aus familiären Gründen kein Interesse an einer hohen Einmalzahlung – die sollten von einer vorzeitigen Altersrente absehen.

Deka Private Banking: Was empfehlen Sie Ihren Kunden, wie sie die ausgezahlte Summe anlegen sollten?

Stefan Neuhaus: Das hängt ganz von der persönlichen finanziellen Gesamtsituation ab. Da stellen sich einige Fragen, zum Beispiel: Wird das Geld für laufende Ausgaben benötigt oder steht es auch zur längerfristigen Anlage zur Verfügung? Viele unserer Kunden sind so vermögend, dass der Vermögenserhalt im Vordergrund steht. Eine Rendite in Höhe der Inflation reicht ihnen vollkommen, entsprechend konservativ legen sie an. Wichtig ist aber: Auch wer sich seine Rente monatlich vom Versorgungswerk auszahlen lässt, sollte diesen Vermögensposten als Teil seines Gesamtvermögens sehen. Und entsprechend in der Portfoliostrategie berücksichtigen.

Deka Private Banking: Was heißt das konkret?

Stefan Neuhaus: Angenommen, Sie haben sich durch langjährige Einzahlungen eine Anwartschaft in einem Barwert von 1 Million Euro erworben. Darüber hinaus haben Sie eine weitere Million Euro angespart. Wenn nun eine Aktienquote von 30 Prozent in etwa Ihrer Risikoneigung entspricht, dann sollten Sie auch berücksichtigen, wie das Versorgungswerk Ihre Ansprüche investiert hat. Häufig setzen Versorgungswerke auf festverzinsliche Anlagen, die Aktienquote ist eher gering ausgeprägt. Bei einer Aktienquote von 10 Prozent Ihres Versorgungswerks müssten Sie dann für Ihre liquide 1 Million Euro eine Aktienquote von 50 Prozent haben, damit Sie insgesamt auf 30 Prozent kommen. Umgekehrt heißt das auch, sich zu überlegen, ob Sie wirklich ein großer Gläubiger sein möchten, oder sich mit Aktien, Immobilien oder anderen Anlagen wohler fühlen. Diese Themen sollten Sie aber in Ruhe mit Ihrem Anlageberater der Sparkasse besprechen.

Rechtliche Hinweise
Allein verbindliche Grundlage für den Erwerb von Deka Investmentfonds sind die jeweiligen Wesentlichen Anlegerinformationen, die jeweiligen Verkaufsprospekte und die jeweiligen Berichte, die Sie in deutscher Sprache bei Ihrer Sparkasse oder der DekaBank Deutsche Girozentrale, 60625 Frankfurt und unter www.deka.de erhalten. Diese Information kann ein Beratungsgespräch nicht ersetzen.
Aussagen gemäß aktueller Rechtslage, Stand: Juni 2020. 
Die steuerliche Behandlung der Erträge hängt von den persönlichen Verhältnissen des jeweiligen Kunden ab und kann künftig auch rückwirkenden Änderungen (z.B. durch Gesetzesänderung oder geänderte Auslegung durch die Finanzverwaltung) unterworfen sein.

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