Smarter anlegen

Von der Digitalisierung der industriellen Produktion profitieren

Autor Rudolf Kahlen und Iris Quirin
zuletzt aktualisiert am 19. September 2019
Lesezeit 2 Minuten

Als Industrie 4.0. bezeichnen Experten automatisierte und digitalisierte industrielle Produktionsprozesse und Betriebsabläufe. Der Wandel gilt als Revolution und ist vielfältig, die Möglichkeiten sind immens und kein Science Fiction mehr.

Interessant für Sie, wenn …

  • Sie sich für Beispiele von „Smart Factories“ interessieren
  • Sie mit Ihrem Vermögen in solche Unternehmen investieren möchten
  • Sie von der Wichtigkeit technischer Innovationen überzeugt sind

Smarter anlegen

Von Vorreitern lernen

Dazu zählt auch Dassault Systèmes, ein Software-Entwicklungskonzern mit Hauptsitz in Frankreich, der von Stuttgart aus deutsche Firmen auf dem Weg zu einer vollautomatisierten Fertigung begleitet. Dafür bieten die Experten ihren Kunden über eine cloudbasierte Plattform mit dem Namen 3DExperience die Möglichkeit, ein digitales Abbild ihrer Maschinen und Fabriken zu erstellen, mit dem sie simulieren können, wie sich ihre Produktionsschritte verbessern und ihre Produkte in der gewünschten Qualität zu den richtigen Kosten herstellen lassen. Alle Daten werden auf dieser Plattform gesammelt wie auch aufbereitet und sind allen Berechtigten verfügbar.

Darko Sucic, Leiter des Center of Excellence „Digital Manufacturing“ bei Dassault Systèmes in Stuttgart, erklärt: Was am Computer erstellt werde, lasse sich in der realen Fabrik umsetzen. Der Datenaustausch könne „für weitere Verbesserungen des Fertigungsprozesses genutzt werden“. Auf eines legt der Experte in diesem Zusammenhang wert: „Industrie 4.0 ist nichts Konkretes, das man von der Stange kaufen kann. Und es gibt auch keine Lösung, die für alle gleich ist.“ Es gehe vielmehr um eine Anleitung zum Digitalisieren, die jedes Unternehmen nach seinen eigenen Voraussetzungen, Prozessen und Anforderungen angehen müsse. Zu Nutzern der 3DExperience-Plattform zählt die Schaeffler Technologies GmbH & Co. KG. Mithilfe der virtuellen Anlagen können die Produkt- und Prozessentwickler des Automobilzulieferers im Büro via Computer in einer 3D-Ansicht vorab diskutieren, wie eine optimale Produktion aussähe. Die Vorgehensweise ähnelt der bei einem modernen Computerspiel. Auf diese Art haben die Vordenker bereits die Fertigung von Radlagern im slowenischen Schaeffler-Werk ausgebaut und konnten – dank virtueller Tests – 40 Prozent der Fläche bei der Produktlinie einsparen.

Stolperfallen kennen

Wer das große Projekt der digitalen Transformation als Unternehmer angehen will, der sollte die Stolperfallen kennen. Walter Woitsch, Partner der Unternehmensberatung Syngroup: „Vor allem geht es darum, die Qualität der vorhandenen Daten zu verbessern. Erst wenn diese sich so aufbereiten lassen, dass sie eine belastbare Grundlage für Entscheidungen und Prozesse bieten, gelingt die Veränderung.“ Dafür ist eine nüchterne Bestandsaufnahme nötig (siehe „Hilfreicher Selbsttest“). Nur nach solch einer Analyse seien hochmoderne Programme zum Planen und Steuern betrieblicher Abläufe hilfreich. Im nächsten Schritt empfiehlt der Berater, sich im bestehenden Geschäft pragmatisch einer Lösung zu nähern. Will sagen: Gibt es Möglichkeiten der Automatisierung in der Produktion? Etwa durch den Einsatz von Robotern. Lassen sich bestehende Systeme vernetzen? Etwa durch das Übernehmen ausgesuchter Kundendaten für die Produktion. Oder sind Assistenzsysteme nützlich?

Erfolgreiche Umsetzung

Woitsch wählt ein Beispiel: „So kann der Fahrer eines Gabelstaplers im Logistikzentrum auf seinem Bildschirm im Führerhaus sehen, was als nächstes zu tun ist.“ All diese Fragen haben sich auch die Verantwortlichen der auf Schaltschränke spezialisierten Rittal GmbH & Co. KG vor geraumer Zeit gestellt. Als Folge startet dieses Jahr im hessischen Haiger die Produktion von Kompaktgehäusen in einem neuen Werk. Das Besondere: Die dreistufige Fertigung aus Blechbearbeitung, Lackierung, und Montage wird durchgehend digital vernetzt sein. Fahrerlose Transporter liefern benötigte Materialien ohne menschliches Eingreifen an gewünschte Stellen. Mithilfe wissensbasierter Systeme können Störungen schnell erkannt und beseitigt werden, wodurch sich die Ausfallzeiten verringern.

Auch Ersatzteile werden vorausschauend angefordert. Das senkt die Zahl verschleißbedingter Unterbrechungen. Sobald die Produktion der Kompaktgehäuse beginnt, werden auf 24.000 Quadratmetern rund 9.000 Gehäuse pro Tag automatisiert gefertigt. Selbst Einzelanfertigungen lassen sich wirtschaftlich produzieren. Rund 25.000 Tonnen Stahl werden dabei pro Jahr verarbeitet. Friedhelm Loh, Inhaber der Friedhelm Loh Group, zu der auch Rittal als Tochterunternehmen zählt: „Nur so können wir ausreichend Produktivität erzeugen, um im globalen Wettbewerb gerüstet zu sein.“ Der Betriebswirt versteht, „dass die mit Industrie 4.0 verbundenen Datenmengen und Sicherheitsüberlegungen noch manch einen Unternehmer vor der Investition zurückschrecken lassen“. Aber er ist überzeugt: „Wenn wir es hier in Deutschland nicht anpacken, dann überholt uns der Wettbewerb aus dem Ausland.“

Team "Mensch - Maschine"

Ähnlich agierte Herbert Schlossnikl, Vorstand der Vöslauer Mineralwasser AG, auf dem Weg zur digitalen Transformation. Mittlerweile ist das Ersatzteillager elektronisch vernetzt: Die firmenintern benötigten Stücke lassen sich auf Knopfdruck anfordern. Und wenn ein Mindestbestand erreicht ist, bekommt der Materialverantwortliche automatisch einen Hinweis. Er bestellt dann online Verschleißteile für Etikettiermaschinen. „Innerhalb von 48, höchstens 72 Stunden liegt die Ware vor“, erzählt der Diplomingenieur. Die Rechnung erreicht die Buchhaltung als Datei und wird von der zuständigen Führungskraft im Einkauf elektronisch freigegeben. Für Schlossnikl ist die Digitalisierung „ein evolutionärer Vorgang“. Dabei gelte es die Mitarbeiter mitzunehmen. „Wir informieren die Betroffenen und schulen sie bei Bedarf“, sagt der 54-Jährige.

Wie wichtig die Akzeptanz der Belegschaft bei Veränderungen ist, weiß Motorsägenhersteller Stihl. Als man den kollaborativen Roboter einführte, waren alle Betroffenen im Prozess integriert. Markus Wahl, im Betriebsmittelbau bei Stihl für Konstruktion von Montagesystemen zuständig mit Blick auf den grünen Hulk: „Die Mitarbeiter brachten gute Ideen ein, die wir umsetzten.“ So funktioniert das Mensch-Maschinen-Team heute reibungslos.

Experten-Interview

Bernd Köcher, Fondsmanager des Deka-Industrie 4.0, zu interessanten Gesichtspunkten der vierten industriellen Revolution

Deka Private Banking: Industrie 4.0 – hinter diesem Begriff sammeln sich Unternehmen, deren Kundenbeziehung, Produktion und Verteilung von Waren durch Digitalisierung und Vernetzung vollkommen verändert wird. Nach welchen Regeln trennen Sie die Stars von morgen von den Verlierern des disruptiven Wandels?

Bernd Köcher: Unser Schwerpunkt liegt vor allem auf den Unternehmen, die es den anderen ermöglichen, sich zu verändern. Es ist also nicht unbedingt der Vorreiter in der Industrie, den wir suchen – sondern der Spezialist, der ihm diesen Wandel ermöglicht.

Deka Private Banking: Schließt das eine das andere aus?

Bernd Köcher: Nein. Amazon ist ein Paradebeispiel. Das Unternehmen ist ein Pionier im e-Commerce, hat aber auch die passende Software und Datenbanken, Drohnen oder robotergestützte Lager. Das heißt: Know-how gepaart mit Umsetzung. Um hier die wirklichen Siegertypen zu erkennen, ist es wichtig, ganz nah dran zu sein am Geschehen.

Deka Private Banking: In der deutschen Autoindustrie wird der Wandel ja derzeit besonders intensiv verfolgt: Autonomes Fahren, Elektrifizierung, aber auch Fahrtenvermittler wie Uber verändern den Wettbewerb fundamental. Wo sehen Sie Unternehmen, die beim Prozess der Industrie 4.0 vorne liegen?

Bernd Köcher: Da findet sich eine ganze Menge. Deshalb ist der Anteil deutscher Unternehmen deutlich höher als bei anderen globalen Fonds. Hier zeigt sich die spezifische industrielle Stärke Deutschlands, auch wenn die aktuellen Handelskonflikte die positiven Trends überlagern. Nehmen Sie als Beispiel einmal Infineon: Die Elektrifizierung ist im Automobilsektor ein Megathema – da geht es um Sicherheit, Konnektivität, Fahrerassistenzsysteme sowie die Elektrifizierung des Antriebsstranges. Es gibt für einen Systemlieferanten dabei sowohl durch Gesetze und Vorschriften als auch wettbewerbsbedingt Rückenwind zum Einbau moderner Fahrerassistenzsysteme.

Deka Private Banking: Und Infineon liefert die Herzen, mit denen diese Systeme schlagen?

Bernd Köcher: Ja. Infineon baut neben Steuerchips für Verbrennungsmotoren auch Chips für Radar- und Kamerasysteme. Dazu noch Leistungshalbleiter, die den Energieverbrauch bei Servern und Netzteilen deutlich reduzieren und den Stromverbrauch bei Zügen, Motoren und Klimaanlagen optimieren. Davon profitiert der Endverbraucher durch mehr Sicherheit und Komfort

Deka Private Banking: Weltweit vernetzte Endgeräte betreffen aber nicht nur die Autos.

Bernd Köcher: Nein. Das ist ein genereller Mega-Trend: Heute sind 20 Milliarden Geräte über das Internet vernetzt. Bis 2030 werden es 500 Milliarden sein. Auf jeden Menschen würden dann rechnerisch etwa 60 vernetzte Objekte kommen.

Deka Private Banking: Lassen Sie uns einmal zum Thema USA sprechen: Laufen uns Europäern die Amerikaner mit ihrer Spezialität Datenbank-Management unaufhaltsam davon? Welche Chancen haben SAP oder das Here-Konsortium gegen Google, Facebook oder Apple?

Bernd Köcher: Die Technologieführerschaft des Silicon Valley spiegelt sich in einem circa 50-prozentigen Anteil am Portfolio. Die genannten Firmen und Beispiele zeigen aber, dass die deutsche Industrie weiterhin große Anstrengungen unternehmen muss, um wieder mit den US-Firmen Schritt zu halten.

Deka Private Banking: Ist das überhaupt aufzuholen?

Bernd Köcher: Continental, Bosch, Mercedes, BMW stellen schon heute mehr Programmierer als klassische Ingenieure ein. Daran arbeiten die Top-Unternehmen auf dieser Seite des großen Teichs also intensiv. Amerikaner kommen eben häufig von der IT-Seite, Japaner und Europäer eher von industrieller. Und die US-Firmen setzen bei ihren Geschäftsmodellen auf die Daten selbst. So wird etwa ein Uber der größte Taxi-Betreiber der Welt – ohne eigene Fahrzeuge. Aber auch SAP macht im Cloud-Geschäft inzwischen gute Umsätze und hilft dem Maschinenbauer Kaeser beim Vermarkten von Luft.

Deka Private Banking: Wie bitte?

Bernd Köcher: Ja. Deren Maschinen komprimieren Luft – und anders als früher haben die inzwischen auch Produkte im Angebot, bei denen der Kunde nicht mehr die Maschinen, sondern eben nur noch Kubikmeter verdichtete Luft kauft. SAP hat dazu Mess- und Abrechnungssysteme entwickelt. Cloudbasiert und in Echtzeit werden die Kosten abgerechnet. Ein tolles Industrie-4.0-Produkt.

Deka Private Banking: Japan punktet eher bei intelligenten Maschinen?

Bernd Köcher: Beispielsweise ist der japanische Maschinenbauer Fanuc ein starker japanischer Wert. Oder Harmonic Drive Systems; die sind Zulieferer für fast alle führenden Roboterproduzenten sowie Hersteller von hochpräzisen Servomotoren und Getriebeunterstützungen, insbesondere für die neue Generation von ultra-mobilen kooperativen Robotern.

Deka Private Banking: In Deutschland diskutieren wir auch über die Risiken des Siegeszugs von Vernetzung oder künstlicher Intelligenz. Stichworte Datenkrake und Jobverlust. Welche Chancen haben wir mit der Industrie 4.0?

Bernd Köcher: Zunächst: Die Risiken kann man nicht wegdiskutieren. Die Aktien dieses Sektors unterliegen erfahrungsgemäß starken Kursschwankungen und somit auch dem Risiko von Kursrückgängen. Aber die Automatisierung schafft ja auch viele Spielräume und Kreativität. Nehmen Sie das Beispiel Adidas. Da gibt es für Deutschland sogar wieder eine Reindustrialisierung. Der Turnschuh kommt wieder aus Deutschland – personalisiert und absolut individuell zeitnah vor Ort gefertigt. So lassen sich sogar bessere Preise erzielen und gute Fachkräfte halten. Vergessen wir nicht: Bisher war noch jede industrielle Revolution im Effekt eine Jobmaschine.

Deka Private Banking: Gegenwärtig wird ja in vielen Ländern wieder über Abschottung der Grenzen, Protektion oder gar Handelskriege diskutiert. Können Trump oder der Brexit die industrielle Revolution 4.0 noch aufhalten?

Bernd Köcher: Aktuell sieht dies so aus. Aber gerade das genannte Beispiel für lokales Produzieren zeigt, dass der Mega-Trend sogar auf unterschiedlichste Politik passt. Und eine politisch erzwungene Reindustrialisierung kann letztlich sogar zu erhöhter Automatisierung führen – weil die Arbeitskosten in den USA oder Großbritannien natürlich höher liegen als in China oder Rumänien.

Zitat

IBSEN_AdobeStock_72761879.jpg

Und DAS hier handelt von der Zukunft! (Ejlert Løvburg in "Hedda Gabler", 1890)

Henrik Ibsen (1828 - 1906)

Norwegischer Dramatiker und Lyriker

Artikel-Funktionen

Ihr nächster Schritt

Wir sind für Sie erreichbar

Sollten Sie Ihren persönlichen Sparkassenberater zum Private Banking noch nicht kennen, hilft Ihnen unser Service-Center gerne weiter.
Erreichbar Mo - Fr von 9 - 18 Uhr 069 7147-1177
Sie möchten zurückgerufen werden?