Der digitale Euro

Die EZB treibt den digitalen Euro voran

Autor Deka Private Banking
zuletzt aktualisiert am 18. Februar 2021
Lesezeit 5 Minuten

Der Trend zum Bezahlen ohne Scheine und Münzen ist unübersehbar. Die Corona-Pandemie hat für einen weiteren Schub bei digitalen Bezahlverfahren gesorgt. Jetzt prüft die Europäische Zentralbank (EZB) mit Nachdruck, ob und wann sie einen digitalen Euro einführen soll.

Interessant für Sie, wenn...

  • Sie mehr über Chancen und Risiken von Digitalwährungen wissen möchten
  • Sie sich für die Entwicklung von digitalen Zahlungen interessieren
  • Sie sich über die Perspektiven der Blockchain-Technologie informieren möchten

Das Thema "Digitale Währungen" ist längst sehr konkret

Eins ist klar: Eine Vorreiterrolle nimmt die EZB nicht ein, wenn sie sich jetzt mit dem Thema Digitalwährung beschäftigt. Längst arbeiten weltweit unzählige Notenbanken und private Anbieter an unterschiedlichen Arten von digitalem Geld angelehnt an den Bitcoin und die dahinterstehende Blockchain-Technologie.

Dass die Währungshüter sich des Themas annehmen, hat zum einen mit dem enormen Innovationstempo im Bereich digitaler Zahlungsverfahren zu tun, zum anderen setzen digitale Währungen wie Bitcoin, die EZB und ihr Geldmonopol gehörig unter Druck. Ein digitaler Euro wäre somit auch eine Antwort auf privatwirtschaftliche Initiativen wie Bitcoin oder das maßgeblich von Facebook getragene Projekt Diem (ursprünglich: Libra).

Digitalwährung unter Zentralbank-Aufsicht

Was das EZB-Projekt besonders macht: Im Gegensatz zu den zahlreichen privaten Initiativen stünde ein digitaler Euro unter Aufsicht einer Zentralbank, die die Stabilität der Währung sichert. Das dürfte kein unwesentliches Argument für die Zentralbank sein, denn an einer privaten Konkurrenz für die Euro-Währung wird sie kaum Interesse haben. Allerdings betonen die europäischen Notenbanker, dass es zunächst nur darum geht, die Möglichkeit der Ausgabe einer digitalen Zentralbankwährung (Central Bank Digital Currency - kurz CBDC) zu prüfen, und dass noch keine Entscheidung gefallen ist.

Digitale Währungen funktionieren auf Basis einer sogenannten Blockchain - also über eine Kette von Datenblöcken, die mit jeder neuen Transaktion weiter ausgebaut wird. Technisch würde ein digitaler Euro dem Bitcoin ähneln. Ein solcher Euro würde dabei als digitale Einheit existieren und für Online-Geschäfte verfügbar sein. Somit wäre ein digitales Zentralbankgeld eine Option, mit der bezahlt werden kann, ohne dass dazwischen noch ein Zahlungsverkehrssystem geschaltet wäre.

Die Digitalwährung soll – so der Plan der EZB-Verantwortlichen - zunächst eine Ergänzung bestehender Möglichkeiten des Bezahlens sein. Schon heute werden zumindest in Ländern mit ausgereiften Finanzsystemen wesentliche Teile des Zahlungsverkehrs nicht bar, sondern elektronisch abgewickelt. In den vergangenen Jahren ist das Angebot durch Instant und Mobile Payments sowie Internet-Bezahldienste noch einmal deutlich gestiegen.

Dritte Form von Zentralbankgeld

Das digitale Zentralbankgeld wäre somit vereinfacht gesprochen digitalisiertes Bargeld. Die EZB definiert CBDC als „eine Verbindlichkeit gegenüber einer Zentralbank, die für individuelle Bürger in digitaler Form zugänglich gemacht wird“ (EZB, 2019). Damit würde CBDC eine dritte Form von Zentralbankgeld darstellen – neben Reserven der Banken bei der EZB und physischem Bargeld. Neben der einfachen und schnellen Abwicklung hätte es für die Nutzer zudem den Vorteil, dass bei seiner Verwendung keine Datenspuren hinterlassen werden.

Diskutiert werden derzeit zwei Ansätze: Zum einen das so genannte Wholesale-CBDC. Hier wird digitales Zentralbankgeld nur an Geschäftsbanken und Nichtbank-Finanzinstitutionen ausgegeben. Zum anderen das Retail-CBDC. Bei dieser Variante würde die Digitalwährung auch Endkunden direkt zur Verfügung stehen.

Digitalisierung der Wirtschaft vorantreiben

Mit der Einführung des digitalen Euros verfolgt die EZB gleich mehrere Ziele: Zum einen soll die Digitalisierung der europäischen Wirtschaft unterstützt werden. Es geht hier unter anderem um die Bereitstellung von sogenanntem “Programmable Money”, das im Bereich des „Internet of Things“ verwendet werden kann. Zum anderen könnte ein digitaler Euro die Resilienz digitaler Zahlungen erhöhen, so dass ein Hackerangriff, eine Naturkatastrophe, eine Pandemie oder andere Extremereignisse die Bereitstellung von Zahlungsdiensten nicht einschränken würden.

Je nach Ausgestaltung der Digitalwährung und bei etwaiger Reduzierung von physischen Banknoten wäre außerdem eine effektivere Bekämpfung von Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung oder Steuerhinterziehung möglich.

Weitere Vorteile wären, dass Geldüberweisungen innerhalb weniger Sekunden bei geringen Transaktionskosten durchführbar wären. Vor allem im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr wäre dies ein Pluspunkt für europäische Unternehmen, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Kein Wunder, dass die Wirtschaft Druck macht. Nach Ansicht des Digitalverbands Bitkom muss es jetzt vor allem darum gehen, zügig von der Theorie zur Praxis zu kommen. „Wir sollten rasch zeitlich und räumlich begrenzte Pilotprojekte starten und mit diesen Erfahrungen die optimale technische Infrastruktur für einen digitalen Euro entwickeln“, heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes von Anfang 2021. Europa dürfe bei digitalen Währungen nicht abgehängt werden.

Wirtschaft fordert mehr Tempo

In diesem Zusammenhang schlägt Bitkom auch vor, dass ein digitaler Euro mit der bestehenden Finanzinfrastruktur kompatibel sein muss. Die Währung solle den bestehenden Finanzsektor nicht ersetzen, sondern ergänzen. Das bedeute zum Beispiel, dass die Ausgabe des digitalen Euro am effizientesten über Geschäftsbanken und andere Finanzintermediäre erfolgen sollte, die Erfahrungen im Umgang mit Endkonsumenten haben, so der Verband.

Doch noch ist offen, ob die CBDC über eine verteilte Datenbank – zum Beispiel Blockchain - oder eher ein konventionelles Datenbanksystem ausgegeben werden soll. Einige EU-Staaten haben sich auch deshalb gegen einen digitalen Schnellschuss ausgesprochen. Es sei falsch, die Digitalwährungen einzuführen, bevor nicht alle damit verbundenen Risiken auch in der Gesetzgebung angemessen berücksichtigt worden seien, heißt es. Und auch EZB-Chefin Lagarde betonte wiederholt, wie wichtig es sei, die Sicherheit einer digitalen Währung zu garantieren und das Vertrauen in diese zu stärken.

Dennoch: Erste Weichen sind gestellt. In der Europäischen Union haben die Aufsichtsbehörden im Herbst 2020 eine Regulierung von Kryptowährungen und digitalen Vermögenswerten auf den Weg gebracht. EU-weit einheitliche Regeln sollen bis Ende 2022 gewährleistet und damit der Verbraucher- sowie der Anlagerschutz verbessert werden.

Auch die Sparkasse unterstützt Sie bei allen Fragen, die die Digitalisierung Ihres Unternehmens betreffen. Vereinbaren Sie einfach einen Termin mit Ihrem Private Banking-Berater der Sparkasse.

Experten-Interview

Gefahr von systemischen Risiken durch private digitale Währungen

Deka Private Banking im Gespräch mit Dr. Michaela Hönig, Expertin für Kryptowährungen und Blockchain der DekaBank sowie Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Finanzwirtschaft und Asset Management an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Deka Private Banking: Frau Prof. Dr. Hönig, ist die Digitalisierung mit Verspätung auch in der Finanzwelt angekommen?

Dr. Michaela Hönig: Die Digitalisierung prägt inzwischen fast alle Lebensbereiche. Die Corona Krise hat diese Entwicklungen weiter beschleunigt und führt die Vorteile der Digitalisierung aber auch die Abhängigkeit von digitalen Prozessen im Finanzsektor vor Augen. Der digitale Umbruch führt zu verändertem Kundenverhalten. Selbst bei kleinen Beträgen wird immer mehr auf kontaktlose Zahlungen zurückgegriffen.

Der Fokus der Kunden geht mehr in das Erlebnis der digitalen Welt. Das ist im E-Commerce tief verankert und das Eindringen der branchenfremden Technologiekonzerne in die Finanzindustrie stellen das klassische Vertriebsverständnis und die bestehenden Strukturen der Kreditinstitute in Frage. Die Herausforderung ist, neue und flexible Erreichbarkeiten in den Kundenschnittstellen abzubilden. Auch im Bereich Payment-Lösung ist es wichtig, vom Endkunden her zu denken und ihn in den Fokus zu stellen. Dass die Sparkassen-Finanzgruppe es als erste Bankengruppe in Deutschland geschafft hat, die girocard in Apple Pay zu integrieren, ist nicht nur technisch, sondern auch geschäftspolitisch ein wichtiges Signal. An über 756.000 kontaktlos-fähigen Kartenzahlungsterminals können die girocards eingesetzt werden. Jeder Kauf mit Apple Pay ist dabei sicher, denn die Authentifizierung erfolgt über Face ID (Gesichtserkennung), Touch ID (Fingerabdruck) oder Gerätecode sowie mit einem einmaligen dynamischen Sicherheitscode.

Deka Private Banking: Ist die Überlegung der EZB, den digitalen Euro einzuführen, vor allem eine Antwort auf Bitcoin, Libra und das Vordringen großer Tech-Unternehmen in den Bereich der Finanzdienstleistungen?

Dr. Michaela Hönig: Auch. Als Reaktion auf das Aufkommen von Bitcoin und anderer Kryptowährungen begannen die ersten Zentralbanken bereits 2014 damit, eine mögliche Einführung einer eigenen digitalen Währung zu analysieren. Die Ankündigung von Libra im Sommer 2019 hat diesen Prozess weiter beschleunigt. Laut Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ untersuchen aktuell rund 80 Prozent der weltweiten Zentralbanken Implikationen einer CBDC-Einführung. Rund 40 Prozent davon sind bereits den Schritt von grundsätzlicher Forschung hin auch zu konkreteren Untersuchungen gegangen und bereits knapp 10 Prozent haben Pilotprojekte entwickelt. Der Grundgedanke von CBDC ist die Überführung von physischem Bargeld in die digitale Welt.

Großtechnologie Unternehmen wie Google, Apple, Facebook, Amazon und chinesische Big Techs wie Alibaba, Baidu oder Tencent drängen immer mehr in den Finanzdienstleistungssektor vor. Gestartet sind alle mit dem einfachsten Segment, dem Zahlungsverkehr. Alles was online bestellt wird, wird auch online bezahlt. Mittlerweile bieten die Plattformen Kredite, Versicherungen, Asset Management, Daten- und Clouddienste an. Die Erfolgsfaktoren der Big Techs sind neben der großen Kundenzahl eine flache Governance-Strukturen und kurze Entscheidungswege. Dies hat den Vorteil, dass innerhalb weniger Tage auf geänderte Kundenbedürfnisse und Marktveränderungen reagiert werden kann. Die Kundenansprache ist hoch personalisiert und die Prozess-/Lieferkette perfekt technisch abgestimmt. Das Erfolgsrezept ist sofort, mobil, digital, kostenlos. Zusätzlich steigt die Akzeptanz dieser Unternehmen bei den Kunden kontinuierlich.

Deka Private Banking: Wie beurteilen Sie den Vorstoß von Facebook zur Einführung einer eigenen Kryptowährung?

Dr. Michaela Hönig: Das Unternehmen Facebook experimentiert schon seit einiger Zeit mit Zahlungsfunktionen im Messenger. Diese Funktionalität war jedoch bisher auf die Vereinigten Staaten von Amerika beschränkt. Bis jetzt verwendete das Unternehmen die Bankeninfrastruktur für die Abwicklung der Zahlungen. Durch die Einführung einer digitalen Facebook-Währung strebt das Unternehmen an, die Bezahlfunktionen weiter auszubauen. Eine Zahlung zu versenden wäre dann so einfach, wie heute eine Text-, Sprach- oder Bildnachricht via WhatsApp. Die Vorteile für Kunden sind: Sofort, einfach und kostenlos. Facebook plant Libra – neuer Name ist jetzt Diem – als wertstabile Kryptowährung zu entwickeln, die vollständig, Eins zu Eins, durch eine Reserve gedeckt sein soll. Soweit die Theorie.

Deka Private Banking: Und die Praxis?

Dr. Michaela Hönig: Wesentliche Aspekte zu Haftung, Datenschutz und Betriebsrisiken sind bislang nicht geklärt. Des Weiteren können systemische Risiken entstehen: Durch die sehr hohe User Anzahl von Facebook, über zwei Milliarden, die mögliche hohe Marktkapitalisierung der Reserve und eine mögliche Verschiebung des Kreditgeschäftes aus dem Bankensystem in das Umfeld von Stable Coins kann dies zu Veränderungen in den Wertpapier-, Devisen und Kapitalmärkten führen. Das Verhalten von Privathaushalten und Verbrauchern könnte sich ändern. Insbesondere durch die angestrebte Deckung der Reserve durch Staatsanleihen oder Währungen würde Facebook zu einer systemrelevanten Institution werden. Wenn dies nicht reguliert wird, entsteht eine Gefahr für den Finanzsektor und die Realwirtschaft. Deshalb die Forderung, auch die Big Techs zu regulieren, nach dem Credo: same Business, same Risk, same Rules.

Deka Private Banking: Sie hatten ein Forschungsprojekt mit Ihren Studenten zu Libra was haben Sie genau untersucht?

Dr. Michaela Hönig: Ja wir haben unsere Untersuchungen soweit abgeschlossen und sind momentan dabei, die Ergebnisse zu publizieren. Neben den oben aufgeführten Aspekten wie Konzeption und Risiken haben wir die Wahrscheinlichkeit einer Implementierung in Entwicklungsländern untersucht. Facebook gibt an, mit Libra Milliarden von Menschen den Zugang zum Finanzsystem zu ermöglichen. 1,7 Milliarden Menschen sind vom Finanzsystem ausgeschlossen. Davon leben über 90 Prozent in Entwicklungsländern. Afrika wird immer gerne angeführt. Es gibt nach der OECD 194 Staaten, davon sind 143 Staaten Entwicklungsländer. Diese haben wir nach makroökonomischen, sozioökonomischen, infrastrukturellen und demografischen Faktoren untersucht. Für eine erfolgreiche Einführung von Libra sind primär eine fortgeschrittene digitale Infrastruktur und die Flexibilität des Wechselkursregimes entscheidend.

Aufgrund der mangelhaften Verfügbarkeit und Netzabdeckung in großen Teilen Afrikas ist eine Nutzung von Libra für die meisten Menschen dort kaum möglich. Da die Rücküberweisungen in afrikanischen Ländern im Vergleich zu anderen Ländern relativ gering sind, wird die Nachfrage nach einem alternativen Zahlungssystem begrenzt sein. Lediglich in Nigeria und Südafrika hat Libra wegen der hohen Rücküberweisungen und dem verbesserten Internetzugang Erfolgspotenzial.

Artikel-Funktionen

Ihr nächster Schritt

Wir sind für Sie erreichbar

Sollten Sie Ihren persönlichen Sparkassenberater zum Private Banking noch nicht kennen, hilft Ihnen unser Service-Center gerne weiter.
Erreichbar Mo - Fr von 9 - 18 Uhr 069 7147-1177
Sie möchten zurückgerufen werden?
DEKA-PB EXKLUSIV

Behalten Sie Ihre Handlungsfähigkeit im digitalen Nachlass durch individuelle Regelungen

Das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie SIT definiert den digitalen Nachlass nüchtern als „Gesamtheit des digitalen Vermögens“. Dazu gehören alle Rechte und Pflichten sowie Rechtsverhältnisse im Zusammenhang mit IT-Systemen und die damit verbundenen elektronischen Daten. Was auf den ersten Blick rein technisch und nach wenig persönlicher Relevanz klingen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung schnell als Thema, dass uns bereits heute alle betreffen dürfte.
Ihr digitaler Nachlass